BORIS NIESLONY

EINE BEGEGNUNG

Wie ist zu schreiben, denn die Spannweite der Gedanken, Assoziationen und Erinnerungen ist riesig.

Was ist zu schreiben, denn ich bin mir schon lange nicht mehr sicher, was Erinnerung ist und was aus der Phantasie jetzt da hinein reicht. Die Bruchstücke schieben sich unter- und übereinander wie Eisschollen und sind auch so kalt. Eine eingefrorenen Zeit und sehr weit.

Es werden einige Dinge die ich aufzuschreiben wage einen „quasi“ realen Hintergrund haben und mein Schreib-Gestus wird diesem eisigen Verlauf dieser splittrigen Wahrnehmung folgen.

Auf der einen Seite, um zu beginnen, die klaren Fakten (wie klar sind sie mir wirklich?), eine Person. Eine Künstlerin, wie ich annahm, die ich bis dahin nicht kannte. Eine Fremde. Sie bewegte sich zwischen Fremden, wie die meisten der anwesenden Personen, wie ich, in einem Durcheinander. Konfus, chaotisch, ein wabbern und drängeln, Stühle schieben und diese über die Köpfe heben und durch die Menge drängen. Stimmen schwirrten und vermischten sich zu einer nervig überzogenen Lautstärke, ein Scharren und Geschiebe und irgendwie und irgendwo dazwischen ein Organisator der eine Ordnung finden sollte und wollte - die Gemengelage.

Dann diese Frau die eine Position gewählt und eine Fläche vor sich ausbreitete, diese hin- und herschob, einrückte und ausrichtete. Es folgte das Auslegen von Papier, Bleistifte wurden gelegt und Anspitzer auch. Ein zeitliches wanken und warten, dem Einstimmen und gerichtet sein folgte die Bewegung ihrer Hand.

Sie zeichnet. Ob sie mit beiden Händen zu zeichnen begann, ob sie pro Hand einen oder mehrere Stifte führte – es ist in das Dunkle der Erinnerung gesunken.

Die andere Seite, die die Wahrnehmung und mein Interesse fesselte und meine Gedanken in Schwung setzte und nicht mehr den Bewegungen der Hände folgen lies, war die Kraft, die ich gerichtet sah durch sie. Aus einem Punkt heraus bekam das Durcheinander der unbestimmten Personen und unbestimmten Bewegungen einen bestimmten, gewiesenen Sinn. Den Sinn einer wirkenden und schwer beschreibbaren, verweisenden Aufmerksam-keit.

VERWEISEN, ZEIGEN UND ERZEUGEN.
Die Konzentration, die von ihrer Position ausging – gleich einer Gravitation, erhob mich aus diesem waltenden Gemenge und richtete auch mich. Dieses „verweisen“ lies mich wiederum eine Position suchen, die einerseits eine direkte Sicht auf die Künstlerin zulies - mit ihrer Sicht auf das ganze Geschehen und andererseits selbst in der Sicht zu sein dews Überblicks. Ich hatte Teil des Geschehens zu sein und dem Geschehen enthoben.

Den dieses Geschehen mitzubestimmen, sich mit seinen Gedanken zu zeigen und seine Interessen vorzutragen war der Grund meiner Anwesenheit.

Das Geschehen, eine Art von Konferenz, ein vorerst strukturloses, zwangloses Treffen. Die eingeladenen KünstlerInnen und ProjektmacherInnen waren aufgefordert Gedanken, Vorschläge, Entwürfe und Werke vorzustellen, die zu einem großen, umfassenden Projekt gefügt werden sollten. Dies in Potsdam bei Berlin.

Rede – Gegenrede gingen ihren schnellen Lauf. Eine pulsierende Situation mit unzähligen Bewegungen von Leibern, Arme, Beine, Hände die aus unzähligen Richtungen kommend und gehend dieses Durcheinander belebten.

Was sie alles sah, wahrnahm und in fließender, vibrierender Handbewegung, auf das Papier übertrug konnte ich nicht feststellen. Versuche, die Blickrichtung von ihr mit der zeichnenden Hand zu einer Parallelität zu bringen misslang meistens und warf den Gedanken auf, das sie mit ihren Augen mehrere Blicke, mehrere Sichten parallel zur Wahrnehmung bündeln sollte. Sie musste sehr viel wahrnehmen, es schien,das ungeheuer viel in ihre Augen strömte.

Experimente mit gerader Sicht, geradem, zentriertem Sehstrahl und gleichzeitiger Wahrnehmung durch die Augenwinkel und seitlichem Einfall waren mir bekannt. Es geschehen parallele Selektionen und es geschieht eine physikalische Übersetzung.

Die selektierten Bewegungen überträgt sie direkt in Linien, Strichbündel, Cluster von Strichen. Sie verbindet die Leiber, Hände Köpfe in Ansammlungen von Strichknoten, spreizende Geflechte, zackigem Gewirr und graphische Spuren. Sie bindet die Anwesenden und das Anwesende an einander in einem atmosphärischem Gefüge.

Ein intuitives Erfassen und dies wird als schwebende Frage und als schwebendes Merkmal von Aufmerksamkeit diesen Text begleiten.

Was mich wirklich faszinierte und ausschlaggebend wurde, war ein übergeordnetes Prinzip - ihre Position, das Gravitationszentrum. Ein hilfreicher Begriff, der die Situation nicht ausreichend fasste und ich war mir auch nicht sicher, dass das Zeichnen, die Hände und die Stifte auf und über dem Papier das Analoge war, was ich erlebend sah.

Was war das?

Keine der tradierten Muster der Performance-Art war anwendbar, oder mir bis dato bekannt. Der "Performative Turn" war, in Deutschland zu dieser Zeit, noch nicht ausgerufen.

Was ich als Performance bezeichnen möchte für dieser Situation, was ich als Performance gezeigt bekam, war die Gleichzeitigkeit von Distanz, Übersicht, Stand und Gegenstand und innerste Teilnahme einer Person. Der Wahl des Ortes, Sicht und Übersicht, und die Übertragung der Gesamtsicht durch die Hände auf Papier zeigte sich als Performance.

Das Erleben des Paradoxen als das Innerste einer Performance.

In diesem Moment eine schwer beschreibliche, offene Situation. Ein mir unbekannter Rahmen, ein Format in der Erscheinung. Die Gleichzeitigkeit von Aktion und Passion und ihre wirkende Umkehrung. Die Aufhebung der Differenz von Akteur und Betrachter, die wechselseitige Interaktion geschah da als offener Prozess und nicht als Partizipations-zwang.1

FRAGEN – ANTWORTEN. DAS SPIEL DER BEGEGNUNG,
wir lernten uns kennen, Erklärungen und Beschreibungen folgten. Sie gab mir Einsicht in Ihre Wahrnehmung, sie gab mir Begriffe die sich in meinen Kopf fest-setzten, in mein Denken eingriffen und ein Satz setzte sich fest:

Sie adelt Bewegung und Moment.

In den folgenden Jahren kreuzten sich unsere Wege des öfteren, eher zufällig, dann folgten gezielte Einladungen. Zeit miteinander verbringen, dem Bedürfnis entsprechen, mehr zu sehen, mehr zu verstehen und sehen, wie die unterschiedlichen Rahmen der vorgegebenen Veranstaltungen durch ihre Eingriffe verändert wurden.

Wir tranken Wein, hatten manches Dinner zusammen und wir reparierten ihren Koffer.

Die Einmaligkeit der ersten Begegnung kippte in die Einsicht der Variabilität diverser Verwendungen ihrer Arbeits-Methode. Möchte vorsichtig sein ob hier von Methode zu schreiben ist. Sie zeigte mir Ergebnisse ihrer Anwendung bei den unterschiedlichsten Berufen - die „Spur des Handwerklichen“, und sie zeigte mir die differenten Anwendungen in den sozialen und kulturellen Formaten wie Tanz, Musik, sowie in diversen Lesungen und Auftritten als Mitglied eines Jazz Ensembles.

Der Unterschied zwischen dem Begriff Live Transmission (Live Übertragen) und dem der Übersetzung (Translation) begann in meinem Denken zu wirken, Fragen formten sich.

Kann ein Mensch äußere, hochkomplexe Phänomene wahrnehmen und die Wege der Wahrnehmung durch diverse körpereigene Systeme hindurch in eine Bewegung mit Werkzeug so direkt übertragen, das die Systeme keine Spur in der Übertragung hinterlassen? Quasi ein Überspringen, ein Aussetzen leiblicher Prozesse.

Kann ein Mensch diese Phänomene durch unzählige Prozesse fließen lassen um unmittelbar zu werden?

Ist Transmission der treffende Begriff? Er steht für diesen Werkkomplex singulär, was muss er noch anders beinhaltet ?

Eine ver-rückte Sicht auf Zeit? Geschieht hier eine Transformation?

Da schließen dann Fragen der Visualisierung von Kraft-Feldern auf, ihre Präsenz. Sie selbst in Bewegung und die Bewegungsmuster aller Anwesenden sind Kraft Felder.

Ein-stimmen, Aus-richten, vermeiden von Interferenzen oder diese gezielt einsetzen, lineares Verlaufen lassen, etc.

Kraftfelder sind Kräftespiele, Zeichnen als Spiel der Kraft-Linien.

Ein Strauss interessanter Fragen der zu überreichen ist.

Aus dem Strauß ragt heraus ein scharfer Stachel, Spur und Produkt.

Kann und möchte nicht leugnen, dass ich die Produkte, die letztendliche, fertige Zeichnung, die zur Menge sich stapelnden Zeichnungen mit einiger Skepsis besehen und angesehen habe.

Schöne Mappenwerke, schöne Publikationen doch mir fehlt in dieser Anschauung die innere Sicht auf den „Live Act“. Eingedenk diverser ästhetischen Bildungen, die ich geniessen durfte und Grund einer Zweckmäßigkeit erwerben musste; und eingedenk diverser Praxen von Wahrnehmung stand ich den Zeichnungen zunächst mit einer Hilflosigkeit gegenüber.

Linien und Liniengeflechte als Bewegungsmuster kann ich erfassen, doch ist mir – ohne Erklärung nicht einsehbar, ob die sich zeigende Spur der Bewegung von einer Person als Ganzes oder von Teile dieser Person stammen. Haben sich Arme, Hände, Kopf, Leib, Beine gelöst, wirbeln sie durcheinander auf dem Papier oder stammen sie von mehreren Körpern, Leibern, Teile von Leibern. Ist das relevant? Einschränkungen geschehen.

Meine Wahrnehmung kippt ständig von der ästhetischen Betrachtung einer Zeichnung als Gesamtes - Format, Verteilung, Verdichtung der Striche – als ästhetische Einheit eines ästhetischen Produkts in die apperzeptive Analyse.

Ich betrachte dieses Produkt als die konstruierte Bedeutung eines vergangenen, zufällig gewählten Ablaufs. Ziehe mehrere Kontexte in die Betrachtung hinein. Wer und was war der Anlass der Zeichnung samt Deutung und Hintergründe. Wie entfaltete sich das Tun in welcher Sicht einer verstrichenen Zeit in Strichen? Sind Erklärungen hilfreich für die ästhetische Wirkung? Oder ist die Wirkung wesentlich nur mit Erklärung und ohne ästhetischer Relevanz?

Kann diese Methode einen Diagrammatiker interessieren?

Doch, wie entfaltet sich Tun als performativer Akt der als Spur produktionsloses Muster von Bewegung ist?

Aber da im Stand, wirkungsmächtig, das Bild der hochkonzentrierten Morgan O‘Hara

Ich trete nun einen Schritt zurück, der Blick, ein intuitives, schwebendes Erfassen der Situation. Andenkend der Worte Paul Valéry‘s, der solche Momente als „ein geistiges Betretensein“ zeichnete.
Köln, Germany
2013